Scharf oder unscharf – Zeichen- und Häusergrenzen

Neulich beim Übungsabend wurde die spannende Frage aufgeworfen, ob das MC am Ende eines Tierkreiszeichens, zum Beispiel auf 29° Krebs, denn in diesem Tierkreiszeichen oder bereits auch im nächsten gedeutet werden sollte. Ich habe die Antwort dann auch auf die Planetenstellungen, Zwischenhäuser und Tierkreiszeichen ausgeweitet. Und genau darum geht es in diesem Artikel.

Bei den Grenzen im Horoskop gilt es zwischen Tierkreiszeichen-Grenzen und Häuser-Grenzen zu unterscheiden. Erstere gelten als exakt, als „scharf“, letztere als weiche oder „unscharfe“ Grenzen.

Planeten an Zeichengrenzen

Die Planetenstellungen in den Tierkreiszeichen sind als exakt anzusehen. Damit gilt die Tierkreiszeichen-Grenze als „scharfe“ Grenze und ein Planet ist in dem Tierkreiszechen zu deuten, in welchem er steht.

Um das besser zu verstehen, macht es Sinn, sich anzusehen, wie lang ein Planet braucht, um 1° im Tierkreis zurück zu legen.

Sonne: die Erde benötigt 365 ¼ Tage, um die Sonne 1 Mal zu umrunden. Von der Erde aus gesehen, steht die Sonne nach dieser Zeit wieder exakt am selben Tierkreisgrad und hat in der Zwischenzeit 1 Mal den ganzen Tierkreis durchwandert. Da ein Kreis 360° umfasst und die Dauer 365,25 Tage misst, ist die durchschnittliche Strecke, welche die Sonne pro Tag zurück legt, knapp 1° (genauer zwischen 57´ und 1°01´pro Tag). Wenn die Sonne also auf 29°10´ Jungfrau steht, so benötigt sie für die restlichen 50‘ in Jungfrau noch 20 Stunden, um in das Tierkreiszeichen Waage einzutreten.

Mond: der Mond ist der schnellste aller Planeten. Er umrundet die Erde (und damit den ganzen Tierkreis) in ca. 27 Tagen und 7 Stunden und benötigt damit ca. 2,3 Tage pro Tierkreiszeichen. Er legt täglich eine Strecke von 11°47´ bis 15°12´ zurück, im Schnitt also rund 13° 30´ pro Tag. Bei einer Tageslänge von 24 Stunden benötigt er also für 1° im Tierkreis knappe 2 Stunden.

Merkur: der Götterbote ist nach dem Mond der flotteste. Er schafft es maximal mit 2° pro Tag durch den Tierkreis, pro 1° vorwärts benötigt er daher mindestens 12 Stunden. Hier gilt es zu beachten, dass die Geschwindigkeit aufgrund von Rückläufigkeitsphasen stark variieren oder zwischenzeitig auch zum Stillstand kommen kann.

Für die Venus gilt ähnliches wie für Merkur, ihre Durchschnittsgeschwindigkeit liegt aber bei etwas mehr als 1° pro Tag.

Die Planeten Mars, Jupiter, Saturn, Chiron, Uranus, Neptun und Pluto haben zunehmend immer längere Umlaufzeiten und benötigen daher für 1° im Tierkreis zwischen 2 und 15 Tagen – und aufgrund von Rückläufigkeiten oft noch deutlich länger.

Mond auf 29°10´ in Schütze

So ist ein Mond auf 29°10´ Schütze eindeutig in Schütze zu deuten und nicht schon ein bisschen in Steinbock. Erstens, weil er Steinbock noch vor sich hat – er ist so quasi noch ganz mit Schütze-Themen aufgeladen, zweitens, weil er für die verbleibenden 50´ (50 Bogenminuten) noch etwa 1,5 Stunden braucht.

Um es etwas plakativer zu machen: stellen Sie sich vor, Sie reisen mit dem Auto von Wien nach Split in Kroatien, und sie haben noch 1,5 Stunden vor sich, um die österreichische Staatsgrenze zu erreichen. Alle Straßenhinweistafeln und jedes Werbeplakat sind in Deutsch geschrieben, Sie bezahlen in Euro, und wenn es einen Unfall gibt, kommt österreichisches Recht zur Anwendung. Von Slowenien und slowenischem Recht ist noch nichts erkennbar.

Soweit, so gut … kommen wir zurück zum Mond und seiner Stellung im Horoskop.

Anders könnte man bei einer Mond-Stellung von 00°10‘ in Steinbock argumentieren. Hier könnte man meinen, dass der Mond ja die letzten ca. 2,3 Tage in einer Schütze-Qualität verbracht hat und diese noch ein wenig in sich trägt, wenn er den Steinbock gerade mal vor sehr kurzer Zeit betreten hat. Er ist so quasi noch voller Erinnerungen… und das mag zu einer Irritation führen, gelten hier, wo er nun steht, doch ganz andere Regeln und Normen und Werte als noch vor kurzem.

So gelten Planeten, welche auf 0° eines Tierkreiszeichens stehen, tatsächlich als leicht irritierbar. Es ist, als wäre die Akklimatisierung an das neue Tierkreiszeichen noch nicht ganz abgeschlossen.

Aufgrund der Umlaufzeiten der Planeten und einer Mindestdauer von 2 Stunden pro 1° im Tierkreis gelten die Grenzen der Tierkreiszeichen exakt.

Die Bewegung der Achsen durch den Tierkreis

Wenn die Planeten nun pro Tierkreisgrad mindestens 2 Stunden bis zu 2 Wochen benötigen, wie sieht es denn dann mit den Achsen – AC/DC und MC/IC – aus? Wie lange brauchen sie, um sich im Tierkreis um 1° weiter zu bewegen?

Das MC (Medium coeli) ist der Schnittpunkt von Ekliptik (Tierkreis) mit dem Längenmeridian, welcher in gedachter Linie den Nordpol mit dem Südpol verbindet und durch den Ort des Horoskops verläuft.

Wenn man die Sonne in ihrem Tagesbogen verfolgt, so sieht man, dass sie in östlicher Richtung morgens am Horizont aufgeht, langsam immer höher steigt – die Distanz zum Horizont wird immer größer – und schließlich einen Punkt erreicht, an welchem die Distanz zum Horizont ihr Maximum erreicht – es ist Mittag (Mit-Tag = die Mitte des Tages ist erreicht). Ab diesem Moment beginnt sie langsam zum Horizont hinab zu sinken, um schließlich in westlicher Richtung unter dem Horizont zu verschwinden.

Wenn die Sonne den höchsten Punkt über dem Horizont erreich hat, steht sie genau am MC, am Längenmeridian – das ist der höchste Punkt, den die Ekliptik und jeder Planet auf ihr über dem Horizont erreichen kann (und analog deuten wir das MC auch als das Höchste, was das Individuum erreichen kann). In der englischen Sprache findet sich diese Thematik noch am deutlichsten: Vormittag ist zum Beispiel 9 a.m., was „ante meridiem“ – Latein für „vor dem Meridian“ – bedeutet, die Sonne hat also um diese Zeit den Meridian noch nicht erreicht. Nachmittag ist dann 3 p.m., was „post meridiem“ – „nach dem Meridian“ – bedeutet, die Sonne hat nachmittags den Längenmeridian bereits überschritten. Und Mittag ist dann eben „high noon“ – der Höhepunkt ist erreicht, es ist 12 Uhr mittags.

Wie lange braucht nun das MC einmal durch den Tierkreis?

Da sich die Erde im Laufe von 24 Stunden 1 Mal um die eigene Achse dreht, wandert das MC im Laufe von 24 Stunden 1 Mal durch den ganzen Tierkreis.

  • 24 Stunden für 360° = 12 Tierkreiszeichen
  • 2 Stunden für   30° = 1 Tierkreiszeichen
  • 1 Stunde (= 60 Minuten) für 15°
  • 4 Minuten für 1°

Das heißt, dass das MC für 1° im Tierkreis gerade mal 4 Minuten benötigt – in 20 Minuten wandert es also um 5° weiter. Und ist damit deutlich schneller als der Mond, welcher als schnellster Planet immerhin knappe 2 Stunden für gerade mal 1° Bewegung benötigt!

Der Aszendent bewegt sich ähnlich schnell, wobei es langsam (Löwe, Jungfrau) und schnell (Fische, Widder) aufsteigende Tierkreiszeichen gibt. Im Schnitt bewegt sich aber auch der AC um 1° in 4 Minuten weiter.

Die Häuser in den unterschiedlichen Häusersystemen

In der Astrologie gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Häusersystemen, mit welchen die 4 Quadranten, welche durch die beiden Hauptachsen AC/DC und MC/IC gebildet werden, in die Häuser unterteilt werden. Zu den bekanntesten Häusersystemen zählen Placidus, Koch (GOH), Campanus, Regiomontanus und das System der äqualen Häuser. Die Unterschiede liegen darin, dass die Wegstecke und zeitliche Dauer von AC zu MC nach unterschiedlichen Regeln geteilt wird.

Wichtig ist es, zu wissen, dass AC und MC – also der aufsteigende Tierkreisgrad und jener am höchsten über dem Horizont – in allen Häusersystemen immer gleich sind. Egal wie die Teilung in die Zwischenhäuser 2/8, 3/9, 5/11 und 6/12 mathematisch auch aussehen mag – AC/DC und MC/IC ist, da astronomisch begründet, immer gleich. Die Zwischenhäuser aber können deutlich voneinander abweichen, was auch in der Interpretation seinen Niederschlag finden wird.

Die Diskussion, welches Häusersystem das „richtige“ ist, ist so alt wie die Astrologie selbst. Hier wird sich jeder Astrologie-Student selbst ein Bild davon machen müssen, mit welchem System er gute und praktikable Ergebnisse erzielen kann. An der Astroakademie arbeiten wir mit Regiomontanus und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Planeten an Häusergrenzen

Häusersystem Placidus

26.08.2019, 07:57 Wien, Häusersystem Placidus

26.08.2019, 07:57 Wien, Häusersystem Placidus

Bei Placidus wird ein Planet, welcher im letzten Sechstel eines Hauses steht, bereits ins nächste Haus gedeutet. Das 11. Haus ist in diesem Horoskop umfasst 31° (4° noch im Krebs + 27° in Löwe). 31 dividiert durch 6 = 5,16°. Das letzte Sechstel umfasst daher gute 5°. Merkur auf 24° Löwe steht nur 3° vor der Häuserspitze und damit weniger als die 5° entfernt. Er wird somit ins 12. Haus gedeutet, obwohl er grafisch noch im 11.Haus steht. Da sich die Häuserspitzen (wie auch das MC) mit ca. 4 Minuten pro 1° weiter bewegen, war Merkur vor 12 Minuten (3° x 4 Minuten) tatsächlich noch im 12. Haus und wandert nun ins 11. Haus „hinein“, da der Planet am AC aufgeht und Richtung MC aufsteigt.

Häusersystem Regiomontanus

26.08.2019, 07:57 Wien, Häusersystem Regiomontanus

Hier steht Merkur auf 24° Löwe eindeutig im 11.Haus, die Spitze des 12. Hauses steht auf 29° Jungfrau. Bei Regiomontanus wird ein Planet mit maximal 2-3° Abstand zur Häuserspitze ins nächste Haus gedeutet. Merkur müsste in diesem Fall zumindest auf 26° oder 27° Löwe stehen, um ins 12. Haus gedeutet zu werden. Da er auf 24° steht und somit 5° vor der Häuserspitze, wird er ins 11.Haus gedeutet.

26.08.2019, 07:57 Wien, Häusersystem Koch

Häusersystem Koch (GOH)

In diesem Fall steht Merkur auf 24° Löwe ganz klar an der Spitze des 12. Hauses und wird auch ins 12. Haus gedeutet.

Folgen für die Interpretation

Daran wird erkennbar, dass ein Planet im Schnitt alle 2 Stunden an einer Häusergrenze steht (er wandert durch die Erdrotation im Laufe von 24 Stunden 1 Mal durch alle 12 Häuser), jedoch deutlich seltener an einer Zeichengrenze. Um 1° an einer Häusergrenze zurück zu legen, braucht es 4 Minuten, für 1° im Tierkreis braucht es mindestens 2 Stunden (siehe oben).

Daher gelten Häusergrenzen als „unscharfe“ oder „weiche“ Grenzen. Im Zweifelsfall ist der Planet in beiden Häusern zu deuten und es ist zu klären, wo er stärker erlebt wird. Zeichengrenzen hingegen gelten als „scharfe“ oder „harte“ Grenzen – ein Planet auf 00°01 Widder steht in Widder, und nicht mehr in Fische.

Wenn die Achsen AC oder MC sich gerade im Zeichenwechsel befinden (also im Bereich von 28° bis 2°), ist eine Überprüfung der Geburtszeit anhand von Lebensereignissen sehr empfehlenswert, da bereits eine Abweichung der Geburtszeit von nur 10 Minuten einen anderen AC oder MC ergeben kann, was auf die Interpretation deutliche Auswirkungen hat – unabhängig vom gewählten Häusersystem. Bei korrekter Geburtszeit gelten bei den Hauptachsen die Tierkreiszeichen, in welche die Achsen fallen – ein MC auf 29° Löwe ist in Löwe und nicht in Jungfrau (die korrekte Geburtszeit vorausgesetzt). Hier gilt wieder: Zeichengrenzen sind harte Grenzen.

Bildnachweis: Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Astroplus erstellt.

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Sandra Bohac Astrologin

Sandra Bohac

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2019-08-26T06:21:25+02:00